Ausstellung „Nicht ein Genius allein. Das Septembertestament von 1522" feierlich eröffnet

Ausstellung „Nicht ein Genius allein. Das Septembertestament von 1522" feierlich eröffnet


Im Kampf gegen den siebenköpfigen Drachen (Apk. 12, 3f.).
© RFB PS B I 7

Luthermüde? Keineswegs! Sehr gut besucht war die Eröffnung der neuen Kabinettausstellung „Nicht ein Genius allein. Das Septembertestament von 1522 im Schloss Wittenberg“ am 18. August 2022. Die Faszination der wirkmächtigsten Bibelübersetzung ins Deutsche, Martin Luthers „Das Newe Testament Deutzsch“, vermittelte sich offenbar auch 500 Jahre nach ihrem Erscheinen den rund 70 Gästen der Eröffnungsveranstaltung, zu denen auch der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Dr. Reiner Haseloff, zählte.

Eröffnung, Grußworte und Musik
Die Veranstaltung eröffnete die Direktorin des Evangelischen Predigerseminars, Dr. Sabine Kramer, die derzeit Vorsitzende der Gesellschafterversammlung der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek ist. Grußworte richteten der Landesbischof der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, Friedrich Kramer, der Bürgermeister der Lutherstadt Wittenberg,
André Seidig, und Dr. Axel Lange von der Europäischen Melanchthon-Akademie Bretten an die Gäste. Die Ausstellung entstand als Kooperation der Wittenberger Forschungsbibliothek mit der Melanchthon-Akademie, die auf diese Weise auch die Städtepartnerschaft zwischen Wittenberg und Bretten ausbauten. Musikalisch wurden die Beiträge sehr stimmungsvoll mit Werken von Heinrich Schütz, Dietrich Buxtehude und Johann Sebastian Bach gerahmt, dargeboten von Andreas Behrendt (Orgel und musikalische Leitung), Neima Fischer (Sopran), Antje Welzer-Pauls (Violine) und Sarah-Luise Raschke (Violoncello).

Entstehung und Druck des Septembertestamentes
In die Ausstellung führte anschließend der Leiter der Reformationsgeschichtlichen Forschungsbibliothek, Dr. Matthias Meinhardt, ein. Mit wenigen Strichen zeichnete er die lange Traditionslinie von Bibelübersetzungen nach, in die sich Luthers Septembertestament einordnet. Die Linie reicht von antiken Übertragungen der ältesten biblischen Bücher in das Griechische über normierte lateinische Fassungen des frühen und hohen Mittelalters bis zu frühen volkssprachlichen Handschriften und Drucken des Spätmittelalters. Insbesondere philologische und methodische Impulse des Humanismus und die Unzufriedenheit über die vorliegenden ober- und niederdeutschen Bibeldrucke gaben den Anstoß für eine neue Bibelübertragung der Wittenberger Reformatoren. Eine Rohfassung des Neuen Testaments erarbeitete Luther in nicht einmal 11 Wochen auf der Wartburg. Gemeinsam mit Melanchthon und anderen Ratgebern entwickelte er den Text dann in Wittenberg bis zur Druckreife weiter. Melchior Lotter d. J. besorgte im Sommer 1522 den Druck und den Vertrieb über die Leipziger Messe. Vorreden und Kommentare am Text sowie das aus der Werkstatt Cranachs gelieferte Bildprogramm verliehen dieser Ausgabe eine unverkennbar reformatorische Stoßrichtung. Die besondere sprachliche Qualität der Wittenberger Übersetzung, die wesentlich zurückgeht auf Luthers Ausdruckskraft und Fähigkeit, einprägsame Sprachbilder zu formen, bescherte diesem Druck eine lang anhaltende Wirkungsgeschichte, die bis in die Gegenwartssprache reicht.

Konzept und Exponate
Dennoch ist das Werk nicht die Leistung eines Menschen allein. Vorläufer, Mitarbeiter und Ratgeber, aber auch Kritiker und Gegner haben ihren Anteil an der Entstehung und weiten Verbreitung des Septembertestaments. Verstanden werden kann es nur im Kontext der europäischen Bibelbewegung des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit. Dies zu verdeutlichen, ist ein wichtiges Anliegen der Ausstellungen in Wittenberg und Bretten. Schon einige wenige Exponate der Ausstellung zeigen den europäischen Horizont der Ausstellung auf: Erstes Ausstellungsstück ist ein wertvolles Fragment einer lateinischen Bibelhandschrift des 13. Jahrhunderts, das wahrscheinlich aus Italien oder Frankreich stammt, zu sehen sind deutsche Bibeldrucke des 15. und 16. Jahrhunderts, zudem wichtige Werke der Humanisten Lorenzo Valla und Erasmus von Rotterdam, gedruckt in Paris und Basel, letztes Ausstellungsstück eine niederländische „Staatenbibel“ aus dem Jahr 1645 – wie alle weiteren Stücke ebenfalls aus dem Bestand der RFB. Höhepunkt ist natürlich die prachtvoll gebundene Wittenberger Erstausgabe des Septembertestaments von 1522.

 

Die Ausstellung kann bis zum 18. November 2022 während der Öffnungszeiten der Forschungsbibliothek jeweils montags bis donnerstags von 10.00 bis 16.00 Uhr und freitags von 10.00 bis 14.00 Uhr besucht werden. Des Weiteren bietet die RFB eine Reihe öffentlicher Führungen an. Um Anmeldung wird gebeten, bei größeren Gruppen ist sie obligatorisch. Treffpunkt ist jeweils vor dem Eingang des Besucherzentrums im Schlosshof.

 

Termine öffentlicher Führungen:

Freitag, 19. August 2022, 15.00 Uhr (Dr. Matthias Meinhardt)

Mittwoch, 31. August 2022, 18.00 Uhr (Dr. Matthias Meinhardt)

Mittwoch, 14. September 2022, 18.00 Uhr (Nina-Kathrin Behr, M.A.)

Mittwoch, 28. September 2022, 18.00 Uhr (Nina-Kathrin Behr, M.A.)

Mittwoch, 12. Oktober 2022, 18.00 Uhr (Nina-Kathrin Behr, M.A.)

Montag, 31. Oktober 2022, 14.30 Uhr (Dr. Matthias Meinhardt)

Mittwoch, 9. November 2022, 18.00 Uhr (Nina-Kathrin Behr, M.A.)

Donnerstag, 17. November 2022, 18.00 Uhr (Dr. Matthias Meinhardt)

Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff mit Gemahlin in der Ausstellung
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Landesbischof Friedrich Kramer im Gespräch
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Grußwort des Wittenberger Bürgermeisters André Seidig
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Gäste im Ausstellungsbereich
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